Lackmalerei: eine Tradition lebt

Die Künstler Thai und Hung

von Stefan Kürten und Max Johns

Nachdem man die Quan Thanh Pagode und die dahinter liegenden Ausflugslokale passiert hat, geht es noch knapp zehn Minuten mit dem Mofa weiter durch die Vororte von Hanoi, zwischen Rotem Fluß und Ho Tay See (Westlicher See). Die Häuser stehen weit auseinander in dieser Gegend. Von der staubigen Straße auf dem Damm blickt man hinunter auf Märkte und kleine Gewerbebetriebe. Schließlich gilt es , sein Gefährt einen steilen Abhang hinunter genau in die Einfahrt zu zirkeln: Die Einfahrt zum Studio von Thai und Hung.

Le Hong Thai und Bui Huu Hung haben gemeinsam vor einigen Jahren hier draußen vor den Toren der Hauptstadt eines der alten Häuser gekauft, die auf Pfählen am See stehen. Und sie haben das Studio Nha San gegründet.

Neben der Freundschaft hat die beiden Künstler auch die Begeisterung für eine uralte Technik vereinigt: die Lackmalerei. Beide wollen die Lackmalerei wieder in das Licht der Aufmerksamkeit bringen. Aber anders als ganze Jahrgänge der Hochschule für angewandte Kunst und Design reicht es ihnen nicht, die alten Traditionen einfach fortzuführen. Thai und Hung beherrschen die alte Technik bis zur Perfektion. Formal aber bringen sie geradezu Revolutionäres auf die Holzplatten.

Wenn man heute den großformatigen Platten aus dem Atelier von Thai und Hung irgendwo in der westlichen Welt begegnet, haben die Werke etwas Leichtes an sich. Man ahnt kaum, daß in jedem einzelnen Bild oft monatelange Arbeit des Künstlers und einer ganzen Gruppe von Hilfskräften steckt. Insofern erinnert das Studio Nha San am Ho Tay See an die bekannten Werkstätten der Niederländer, wie zum Beispiel Rubens.

Der Ruf des Ateliers ist mittlerweile weit gedrungen. Fast ständig haben die beiden nicht nur eine ganze Reihe junger vietnamesischer Künstler zu Gast, die bei ihnen lernen. Künstler aus Australien., Europa und den USA sind ebenfalls oft mehrere Wochen hier in dem Pfahlbau in die Schule gegangen. Bedeutend sind oft die Ausstellungen, die aus diesen künstlerischen Begegnungen hervorgehen. Eine der ersten, die hierher kam war Stéphanie Ludet und die gemeinsame Ausstellung in der Hanoier Alliance Française im Juni 1993 war ein wichtiger Durchbruch für das Atelier.

Vielleicht noch wichtiger aber wurde die Begegnung mit der Bielefelder Künstlerin Veronika Radulovic, aus der die Ausstellung „Über den Anfang" zu Beginn des Jahres 1994 hervorging. Während Frau Radulovic heute wieder an der Hochschule in Hanoi unterrichtet, ist aus dieser Begegnung wohl auch ein bleibender Wunsch von Thai und Hung geblieben, die Vermittlung der seltenen Technik im Atelier Nha San dauerhaft zu etablieren.

Lackmalerei ist ein uraltes Handwerk. Früher wurde es von Meistern zu ihren Schülern weitergegeben, heute wird es an der Hochschule als besondere Technik gelehrt.

Die Wiederbelebung der Lackmalerei ist vor allem vor dem Hintergrund der national kulturellen Selbstbesinnung zu verstehen: seit Jahrtausenden versucht Vietnam, weder von chinesischer noch - später - von europäischer Kultur dominiert zu werden. Die Kunst hat bei der nationalen Positionsbestimmung schon oft eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Zwar hatten die Franzosen in den 30er Jahren die Hanoier Kunsthochschule gegründet und stark unterstützt in der Hoffnung, französische Kunst führend in der Kolonie zu verankern.

Im Zuge des Unabhängigkeitskampfes wurde gerade die Kunsthochschule ganz früh in die Berge nach Norden ausgelagert (Viet Bac). In den frühen 50er Jahren fanden hier endlose Richtungsdebatten statt: sollte die von den Franzosen gebrachte Technik - vor allem der Ölmalerei - weiter gelehrt und praktiziert werden oder sollte man sich ganz auf die eigenen Wurzeln besinnen.

Schließlich entschied man sich für einen Kompromiß: die westliche Technik sollte mit landeseigenen Motiven kombiniert werden. Darüber geriet die Lackmalerei zunächst in Vergessenheit. Es dauerte bis in die 80er Jahre, daß sich Thai und Hung trauten, das alte Dogma genau umzudrehen und eine alte Technik mit westlichen Motiven zu versehen. Bei der Lackmalerei darf also die nationale Komponente nicht vergessen werden.

Thai und Hung arbeiten mit abstrakten Motiven. Den wesentlichen Sprung haben die beiden für ihre Kunst vollzogen, als sie sich vom klassischen Motivkanon abwendeten und weder Wasserbüffel noch Dschunken oder sich aufbäumende Pferde zeigten. Die Motive sind gänzlich abstrakt und die Künstler lassen sich bei der Motivsuche stark von den Materialien leiten, die ihnen zur Verfügung stehen und von der Bearbeitungstechnik.

Zunächst ist der Untergrund wenig flexibel und die schwarzen Holzplatten scheinen geradezu eine Antithese der weißen Leinwand zu sein. Die Palette ist von den natürlichen Farben bestimmt, rot, grün, grau, braun, silber und natürlich schwarz dominieren. Der negative Schaffensprozeß, bei dem Farben erst aufgetragen und dann abgeschliffen werden, setzt der Planbarkeit des Vorgehens enge Grenzen.